deutsch Carl Welkisch Ein Mystiker des 20. Jahrhunderts
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Die kleine Leseecke          

 

Existiert Gott? Gott zum Freund
Säg am Kreuz nichts ab Geistige Fütterung
Der Sohn Wir nennen es Liebe
Nägel im Zaun Weg zu Gott
Jetzt kann Gott kommen Ein kleiner Heiliger

 

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Existiert Gott?

 

Verfasser unbekannt

 

Warum läßt Gott so viel Elend und Leid auf Erden zu?

 

Ein Mann ging zum Friseur, um seine Haare schneiden und seinen Bart stutzen zu lassen. Als der Barbier mit seiner Arbeit begann, kamen die beiden ins Gespräch. Sie sprachen über die verschiedensten Dinge.

 

Als sie schließlich das Thema "Gott" berührten, sagte der Friseur: "Ich glaube nicht, daß Gott existiert."

 

"Warum sagen Sie das?", fragte der Kunde.

 

"Nun ja, sie brauchen nur hinaus auf die Straße zu gehen, um zu erkennen, daß es Gott nicht gibt. Sagen Sie mir, wenn Gott existierte, gäbe es dann so viele kranke Menschen? Gäbe es verlassene Kinder? Wenn es Gott gäbe, gäbe es weder Leid noch Schmerz. Ich kann mir keinen liebenden Gott vorstellen, der all diese Dinge zulassen würde."

 

Der Kunde dachte einen Augenblick nach, sagte aber nichts, weil er keinen Streit anfangen wollte. Der Barbier beendete seine Arbeit und der Kunde verließ das Geschäft. Er war noch nicht ganz draußen, als er auf der Straße einen Mann mit langen, strähnigen, schmutzigen Haaren und einem unordentlichen Bart sah. Er sah schmutzig und liederlich aus. Der Kunde drehte sich um, betrat erneut das Friseurgeschäft und sagte zum Barbier: "Wissen Sie was? Es gibt keine Barbiere."

 

"Wie können Sie das sagen?" fragte der erstaunte Barbier. "Ich bin hier, und ich bin ein Barbier. Und ich habe eben erst an ihnen gearbeitet."

 

"Nein!", rief der Kunde. "Es gibt keine Barbiere, denn wenn es sie gäbe, gäbe es keine Leute mit schmutzigen langen Haaren und unordentlichem Bart, wie dieser Mann dort draußen."

 

"Oh, aber es gibt Barbiere! Die Sache ist, daß die Leute nicht zu mir kommen."

 

"Genau!", bestätigte der Kunde. "Das ist der Punkt! Gott existiert auch! Die Sache ist, daß die Menschen nicht zu Ihm gehen und nicht nach Ihm suchen. Deshalb gibt es so viel Elend und Leid in der Welt."

 


 

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Säg' am Kreuz nichts ab

 

von A. Jung

 

Der Kampf ist heiß, die Last ist schwer,
Oft seufzst du müde: "Ich kann nicht mehr!"
Doch halte nur aus, einst wird dir's klar,
Wie nötig hier unten das Kreuz dir war.

 

Auf hartem Stein am Waldesrand
Sitzt müde ein Greis, den Stab in der Hand.
Er kann nicht mehr weiter, er ist zu matt,
Weil er so viel Schweres zu tragen hat.

 

Still schaut er im Geiste den Weg, den er kam,
Er fing einst so herrlich mit Sonnenschein an.
Noch denkt er in stiller Wehmut zurück,
Doch liegt in Trümmern, was einst war sein Glück.

 

Nichts ist ihm geblieben, so arm und allein
muss er bis ins hohe Alter nun sein.
Da krampft sich das Herz zusammen vor Weh:
"Mein Gott, warum muss diesen Weg ich gehn?"

 

Und über dem Denken und über dem Sinnen
Ihm heiß von der Wange die Tränen rinnen.
Doch nach und nach wird's still in der Brust,
Er ist sich der Gotteskindschaft bewußt,

 

Drum schaut er im Glauben hinauf zur Höh'
"Dort wird sich das klären, was ich nicht versteh."
So faßt er den Stab, und mit leisem Gesang
Geht er heim zur Hütte am Bergeshang,

 

Legt müde vom Wandern zur Ruh sich hin.
Noch zieht ihm so manches durch den Sinn.
Auf all sein Sorgen und was er gefragt,
Im Traume Gott selbst ihm die Antwort sagt.

 

Er sieht sich als Pilger von Land zu Land
Recht mühsam wandern im Pilgergewand.
Das Ziel seiner Wandrung ist jene Stadt,
Die Gott, der Herr, selbst gegründet hat.

 

Und auf dem Rücken ein Kreuz er trägt;
Das ist die Last, die Gott aufgelegt.
Er wandert mutig, das Ziel winkt von fern,
Schon glänzt die Stadt wie ein goldener Stern.

 

Doch heiß brennt die Sonne, das Kreuz drückt sehr,
Er muss einmal ruhen, er kann bald nicht mehr.
Dort steht ja ein Häuschen so schmuck und klein,
Da nimmt er das Kreuz ab; wie ruht sich's hier fein.

 

Als er dann weiter des Weges will gehn,
Sieht eine Säge er neben stehn.
Da denkt er: Dein Kreuz ist so lang und schwer,
Du sägst etwas ab, dann drückt's dich nicht mehr.

 

Schnell ist es getan, nun war leichter die Last,
Er denkt: Wie gut, daß du's abgesägt hast.
Nun geht das Wandern bequem und leicht,
Jetzt ist das Ziel viel schneller erreicht.

 

Bald sieht er die Stadt auch schon vor sich stehn.
Wie herrlich und schön ist sie anzusehn!
Ein Graben trennt ihn noch von der Stadt,
Der aber keine Brücken hat.

 

Er läuft entlang, er sucht und sinnt.
Doch eine Brücke er nirgends find't.
Da fällt ihm das Kreuz auf dem Rücken ein,
Vielleicht könnte das ihm jetzt Brücke sein.

 

Er nimmt's und schiebts übern Graben her,
Doch - 's ist zu kurz, es reicht nicht mehr,
Es fehlt das Stück, das er abgesägt.
"Ach hätt' ich's doch nicht", seufzt er tief bewegt,

 

"Nun stehe ich hier so nahe am Ziel,
Und kann doch nicht hin, weil mir's Kreuz nicht gefiel."
Er weint und schreit, er klagt sich an,
Weil er schuld, daß er zur Stadt nicht kann.

 

Da naht ein Pilger, der auch ein Kreuz trägt,
Von dem er aber nichts abgesägt.
Er kommt zum Graben, legts Kreuz drüber hin
Und geht zur Stadt mit frohem Sinn.

 

Da denkt unser Pilger: Ich will doch sehn,
Ob über dies Kreuz ich zur Stadt kann geh'n.
Er tritt hinzu, o weh, es kracht,
Mit einem Schrei ist er aufgewacht.

 

Er sieht sich im Zimmer, er ist noch hier,
"Mein Gott, o von Herzen danke ich Dir!"
Es war nur ein Traum, doch die Angst und Qual
Möcht ich durchkosten nicht noch einmal.

 

Ich seh' nun mein Kreuz an als göttliche Gab
Und säg an demselben nichts mehr ab.
So muss es sein, wie der Vater es macht,
Und geht auch mein Weg durch Trübsal und Nacht,

 

Ich harre still aus, trag Kreuz und Leid,
Es ist mir ja Brücke zur Herrlichkeit.
Und du, der du auch ein Kreuze trägst,
Und auch gern ein Stückchen davon absägst,

 

Tu's nicht, denn es ist eine göttliche Gab,
Denn sägst du, dann sägst du den Segen ab.

 


 

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Der Sohn

 

Verfasser unbekannt

 

Ein wohlhabender Mann und sein Sohn liebten das Sammeln seltener Kunstwerke. Sie hatten alles in ihrer Sammlung, von Picasso bis Raphael. Oft saßen sie beisammen und bewunderten die großen Kunstwerke.

 

Als der Vietnamkonflikt ausbrach, zog der Sohn in den Krieg. Er war überaus mutig und starb in der Schlacht, während er gerade einen anderen Soldaten rettete. Der Vater wurde benachrichtigt und trauerte zutiefst um seinen einzigen Sohn.

 

Etwa einen Monat später, ganz kurz vor Weihnachten, klopfte es an der Tür. Dort stand ein junger Mann mit einem großen Paket in den Händen.

 

Er sagte: "Mein Herr, Sie kennen mich nicht, aber ich bin der Soldat, für welchen Ihr Sohn sein Leben gab. Er rettete an jenem Tag viele Leben, und er trug mich gerade an einen sicheren Ort, als ein Geschoß sein Herz traf und ihn sofort tötete. Er hat oft von Ihnen gesprochen und von Ihrer Liebe zur Kunst." Der junge Mann überreichte sein Paket. "Ich weiß, dies ist nicht viel. Ich bin nicht wirklich ein großer Künstler, aber ich denke, Ihr Sohn hätte gewollt, daß Sie es bekommen."

 

Der Vater öffnete das Paket. Es war ein Portrait seines Sohnes, gemalt von dem jungen Mann. Er starrte ehrfürchtig darauf, wie der Soldat die Persönlichkeit seines Sohnes in dem Gemälde eingefangen hatte. Der Vater wurde so zu den Augen auf dem Gemälde hingezogen, daß Tränen in seine eigenen Augen stiegen. Er dankte dem jungen Mann und erbot sich, für das Bild zu bezahlen. "Oh nein, mein Herr, ich kann niemals zurückzahlen, was Ihr Sohn für mich tat. Es ist ein Geschenk."

 

Der Vater hängte das Portrait über dem Kamin auf. Immer, wenn Besucher zu ihm kamen, zeigte er ihnen zuerst das Portrait seines Sohnes und erst dann die anderen großen Werke, die er gesammelt hatte.

 

Einige Monate später starb er. Es sollte eine große Auktion seiner Gemälde geben. Es fanden sich viele einflußreiche Leute ein, die ganz aufgeregt waren, die großen Gemälde zu sehen und die Gelegenheit zu haben, eines davon für ihre eigene Sammlung zu erwerben.

 

Auf dem Podium stand das Gemälde des Sohnes. Der Auktionator schlug mit seinem Hammer. "Wir beginnen die Auktion mit diesem Bild des Sohnes. Wer will für dieses Bild bieten?"

 

Stille.

 

Da rief eine Stimme aus dem hinteren Bereich des Raumes: "Wir wollen die berühmten Gemälde sehen. Überspringen Sie dieses."

 

Aber der Auktionator fuhr beharrlich fort: "Möchte jemand für dieses Gemälde bieten? Wer gibt das erste Gebot ab? $ 100, $ 200?"

 

Eine andere Stimme meldete sich verärgert. "Wir sind nicht gekommen, um dieses Bild zu sehen. Wir sind gekommen, um die Van Goghs und die Rembrandts zu sehen. Fangen Sie endlich mit der wirklichen Auktion an!"

 

Aber der Auktionator machte einfach weiter. "Der Sohn! Der Sohn! Wer nimmt den Sohn?"

 

Schließlich kam eine Stimme aus der hintersten Ecke des Raumes. Sie gehörte dem langjährigen Gärtner des Mannes und seines Sohnes. "Ich gebe $ 10 für das Gemälde." Als armer Mann konnte er sich nicht mehr leisten.

 

"Wir haben $ 10, wer bietet $ 20?"

 

"Geben Sie es ihm für $ 10. Lassen Sie uns zu den Meistern kommen."

 

"$ 10 sind geboten, will niemand $ 20 bieten?"

 

Die Menge wurde langsam ärgerlich. Sie wollten das Bild des Sohnes nicht. Sie wollten die wertvolleren Kapitalanlagen für ihre Sammlungen.

 

Der Auktionator schlug mit dem Hammer. "Zum ersten, zum zweiten und zum dritten, VERKAUFT für $ 10!"

 

Ein Mann aus der zweiten Reihe rief: "Nun lassen Sie uns mit der Sammlung weitermachen!"

 

Der Auktionator legte seinen Hammer hin. "Es tut mir leid, aber die Auktion ist beendet."

 

"Was ist mit den Gemälden?"

 

"Es tut mir leid. Als ich mit dieser Auktion beauftragt wurde, teilte man mir eine geheime Klausel im Testament mit. Ich durfte diese Klausel bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht bekanntgeben. Nur das Gemälde des Sohnes sollte versteigert werden. Wer dieses Gemälde kaufte, sollte das gesamte Anwesen erben, einschließlich aller Gemälde. Der Mann, der den Sohn nahm, erhält alles!"

 

Vor 2000 Jahren gab Gott Seinen Sohn, damit Er am Kreuze sterbe. Genau wie beim Auktionator ist Seine Botschaft auch heute: "Der Sohn! Der Sohn! Wer nimmt den Sohn?"

 

Denn, seht ihr, wer Den Sohn nimmt, bekommt alles.

 

Denn Gott liebte die Welt so sehr, daß er seinen eingeborenen Sohn opferte, und wer an diesen glaubt, dem soll das ewige Leben zuteil werden.

 


 

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Nägel im Zaun

 

Verfasser unbekannt

 

Einst war einmal ein Junge mit einem sehr schwierigen Charakter. Sein Vater gab ihm einen Beutel voll Nägeln und bat ihn, jedesmal dann einen Nagel in den Gartenzaun zu schlagen, wenn er seine Geduld verliert und/oder mit jemandem in Streit geraten ist.

 

Am ersten Tag schlug der Junge 37 Nägel in den Gartenzaun. In den folgenden Wochen lernte der Junge, sich zu beherrschen und die Zahl der Nägel, die er in den Zaun schlug, wurde immer weniger. Der Junge merkte, daß es einfacher war, sich zu beherrschen, als Nägel in den Zaun zu hämmern.

 

Schließlich kam der Tag, an dem der Junge keinen Nagel in den Gartenzaun schlägt. Er geht zu seinem Vater und erklärt ihm, daß er heute keinen Nagel in den Gartenzaun geschlagen hat.

 

Da sagt sein Vater zu ihm, er soll jeden Tag wieder einen Nagel aus dem Zaun entfernen, an dem er sein Temperament erfolgreich unter Kontrolle halten kann. Viele Tage vergingen, bis der Junge seinem Vater erzählen kann, daß er alle Nägel aus dem Zaun gezogen hat.

 

Der Vater geht mit seinem Sohn zu dem Zaun und erklärt ihm: "Mein Sohn, Du hast Dich in letzter Zeit gut benommen, aber schau, wie viele Löcher Du in dem Zaun hinterlassen hast.

 

Es wird nie mehr das gleiche sein. Jedesmal, wenn Du Streit mit jemandem hast und ihn beleidigst, bleiben Wunden wie diese Löcher im Zaun.

 

Immer dann, wenn Du jemanden mit dem Messer stichst und es wieder herausziehst, bleibt jedesmal eine Wunde. Ganz egal, wie oft Du Dich entschuldigst, die Wunde wird bleiben. Eine Wunde, die Du durch Worte erzeugst, tut genauso weh, wie eine körperliche Wunde.

 

Freunde sind Juwelen. Sie machen Dich glücklich und unterstützen Dich. Sie sind bereit, Dir zuzuhören, wann immer Du sie brauchst. Sie stehen hinter Dir und öffnen Dein Herz. Zeig Deinen Freunden, wie sehr Du sie magst.

 


 

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Jetzt kann Gott kommen

 

Verfasser unbekannt

 

Ein Mann erfuhr, daß Gott zu ihm kommen wollte. "Zu mir?" schrie er. "In mein Haus?"

 

Er rannte durch alle Zimmer, lief die Stiegen auf und ab, kletterte zum Dachboden hinauf, stieg in den Keller hinunter. Er sah sein Haus mit anderen Augen.

 

"Unmöglich!" schrie er. "In diesem Sauhaufen kann man keinen Besuch empfangen. Alles verdreckt. Alles voller Gerümpel. Kein Platz zum Ausruhen. Keine Luft zum Atmen." Er riß Fenster und Türen auf. "Brüder! Freunde!" rief er. "Helft mir aufräumen - irgendeiner, aber schnell!" Er begann, sein Haus zu kehren. Durch dicke Staubwolken sah er, daß ihm einer zu Hilfe gekommen war. Sie schleppten das Gerümpel vors Haus, schlugen es klein und verbrannten es. Sie schrubbten die Stiegen und Böden. Sie brauchten viele Kübel Wasser, um die Fenster zu putzen. Und immer noch klebte der Dreck an allen Ecken und Enden. "Das schaffen wir nie!" schnaufte der Mann.

 

"Das schaffen wir!" sagte der andere. Sie plagten sich den ganzen Tag. Als es Abend geworden war, gingen sie in die Küche und deckten den Tisch. "So", sagte der Mann, "jetzt kann er kommen, mein Besuch! Jetzt kann Gott kommen. Wo er nur bleibt?"

 

"Aber ich bin ja da!" sagte der andere und setzte sich an den Tisch. "Komm und iß mit mir!"

 

 


 

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Gott zum Freund

 

Verfasser unbekannt

 

Teresa von Avila soll einmal in einer stürmischen Nacht in einem alten Pferdekarren, der von zwei altersschwachen Ochsen gezogen wurde, über eine matschige Straße in Spanien gefahren sein.

 

Es blitzte und donnerte. Da fingen die Ochsen in panischer Angst an zu rennen. Ein Rad des Wagens blieb in einem Loch stecken und der Wagen schlingerte so heftig, daß Teresa hinunterstürzte und mit dem Gesicht im Dreck landete. Teresa wußte, daß man Gott für alles dankbar sein muss. Aber in diesem Fall war das nicht leicht. Da hörte sie die Stimme ihres geliebten Herrn Jesus: "Verzweifle nicht, Teresa, sondern wachse an diesem Unglück - so etwas vergönne ich nur meinen treuesten Freunden." Teresa dachte einen Augenblick nach, dann hob sie ihr schlammverkrustetes Gesicht und antwortete: "Vielleicht hast du deshalb so wenige."

 


 

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Geistige Fütterung (Himmel und Hölle)

 

Lena Lieblich nach einem Märchen:

 

Es war einmal ein frommer Bruder, der sich mit asketischen Übungen beschäftigte. Seine Absicht war es, eines Tages in den Himmel zu kommen. Diese Absicht war aber auch gleichzeitig ein Motiv für seine Handlungen. Das Ziel erschien ihm jedoch manchmal sehr abstrakt. Dann war er mit Zweifeln erfüllt. "Ist es wirklich im Himmel so schön, daß sich auch all die frommen und selbstlosen Taten lohnen?" oder "lebe ich am Leben vorbei?" Die Zweifel kamen immer öfter und in seiner seelischen Not wandte er sich im Gebet an der lieben Gott und sprach: "Zeige mir doch bitte einmal den Himmel und lasse mich auch einen Blick in die Hölle werfen, damit sie mir als abschreckendes Beispiel dient!"

 

Der liebe Gott, der diesen Bruder, wie auch alle anderen Menschen, sehr gern mochte, erfüllte ihm diesen Wunsch sofort und fragte ihn: "Was willst Du zuerst sehen, den Himmel oder die Hölle?" Der Bruder überlegte kurz und sagte: "Zeige mir zuerst die Hölle, damit der Himmel-Nachgeschmack dann länger bei mir anhält!" So geschah es. Er wurde sofort an einen anderen Ort entrückt.

 

Es war aber nicht dunkel. Nach Schwefel und Rauch roch es auch nicht. Es war anders, als er sich die Hölle vorstellte. Er sah einen wunderschönen großen Speisesaal mit vielen Bänken und Tischen. Auf den Tischen standen wohlduftende, leckere Speisen, und auf den Bänken saßen Menschen. Als er die Personen genauer betrachtete, erschrak er. Alle waren bis auf die Knochen abgemagert, bleich und ausgemergelt, ein Bild des Jammers.

 

Er überlegte, warum die Leute nicht von den leckeren Speisen nahmen und aßen. Da sah er gerade wieder einen, der es probierte. Neben dem Teller hatte jeder einen sehr langen Löffel liegen. Diesen Löffel lud sich die Person nun auf und wollte damit in den Mund. Der Löffel war aber viel länger als sein Arm, so daß er bestenfalls am Ohr vorbei, aber nie in den Mund traf. Eine Stimme sagte ihm, in der Mitte seien die Löffel glühend heiß, so daß man sie nur ganz hinten anfassen könne.

 

Nun wurde ihm klar, welch fürchterlicher Ort die Hölle ist: Vor gefüllten Tellern nicht essen können! Ihm genügte das, was er gesehen hatte und er sagte: "Jetzt würde ich gerne den Himmel sehen!" Augenblicklich erfolgte ein kurzer Szenenwechsel. Zu seinem Erstaunen sah er wieder denselben Saal vor sich, dieselben Bänke, dieselben gut duftenden Speisen, nur in diesem Saal saßen an den Tischen glückliche, wohlgenährte, freudig lachende Menschen. Aha, dachte er sich, hier werden die Löffel in der Mitte wahrscheinlich nicht glühend sein. Die Stimme des unsichtbaren Erklärers sagte sofort: "Auch hier sind es dieselben Löffel mit den glühenden Stielen in der Mitte." Dann, sagte er sich, müssen die Löffel kürzer sein, und er beobachtete die Leute ganz genau. Er sah, wie einer den Löffel in die Hand nahm, etwas von den köstlichen Speisen auflud und gar nicht versuchte, es sich selbst in den Mund zu stecken, sondern seinen Nachbarn fragte: "Darf ich Dir ein Stückchen geben?" Als dieser nickte, fütterte er ihn. Auch an den anderen Tischen könnte er dieselbe Praxis beobachten. Einer fütterte den anderen mit dem Löffel, und der andere sagte Dankeschön, und alle waren glücklich, zufrieden und lachten.

 


 

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Wir nennen es Liebe

 

von Rainer Haak

 

Wir wollen einen Menschen besitzen - und nennen es Liebe.

 

Wir wollen jemanden nach unseren Vorstellungen ändern oder erziehen - und nennen es Liebe.

 

Wir wollen stets gewürdigt werden und im Mittelpunkt stehen - und nennen es Liebe.

 

Wir wollen unsere Vorstellungen und Ideale sofort verwirklicht sehen - und nennen es Liebe.

 

Es ist ein weiter Weg zu einer Liebe, die den anderen gelten läßt und ihn groß macht und nicht klein, die sein Wohl will und nicht das eigene. Manchen Menschen ist dieser Weg zu anstrengend. Manche haben Angst, etwas zu verlieren oder zu kurz zu kommen. Aber wenn wir diesen Weg konsequent gehen, eröffnet sich eine neue Dimension von Beziehung, von Gemeinschaft und Miteinander. Wenn wir diesen Weg gehen, wird die Welt für uns und andere lebenswerter.

 

Wir müssen selbst entscheiden, ob wir den Weg der Liebe gehen wollen. Und doch liegt es nicht allein in unserer Hand: wir empfangen die Liebe immer als Geschenk - als Gottesgeschenk.

 


 

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Weg zu Gott

 

von P. P. Zilligen

 

Je höher dein Weg zu Gott

 

desto stiller

 

und schweigsamer

 

und einsamer

 

wird es um dich

 


 

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Ein kleiner Heiliger

 

von Albert Schweitzer

 

Ein kleiner Heiliger, vielleicht in einem Kloster, hatte viele Jahre ein glückliches und zufriedenes Leben geführt. Eines Tages sah er beim Geschirrspülen neben sich seinen Schutzengel stehen, der zu ihm sagte: "Gott schickt mich und läßt Dir sagen, es sei Zeit für Dich, ins Paradies einzugehen."

 

Der kleine Heilige war eigentlich damit einverstanden, zeigte aber lächelnd auf einen Berg mit Geschirr, der noch abzuwaschen war.

 

Das gleiche ereignete sich Jahre später, als der kleine Heilige im Garten am Unkrautjäten war. Wieder durfte er seinen Schutzengel sehen, mit fragendem Blick und dem Wort: "Es ist Zeit, ins Paradies einzugehen." Doch der kleine Heilige deutete schmunzelnd auf das viele Unkraut, das noch zu jäten war.

 

Und wieder später pflegte der kleine Heilige in der Krankenabteilung Schwerkranke. Gerade als er einem Sterbenden einen Schluck Wasser einlöffeln wollte, stand der Engel aufs neue neben ihm. Diesmal sagte der Engel nichts. In der folgenden Nacht wünschte der kleine Heilige, daß der Engel sich wieder zeigen und ihn heimholen möge ins Paradies. Und plötzlich stand der Engel auch schon da und sagte zu ihm:

 

"Was glaubst Du wohl, wo Du all die Jahre gewesen bist: als Du in der Küche Teller gespült hast, als Du im Garten Unkraut gejätet hast, als Du die Kranken betreut hast, da warst Du immer schon in den Vorgärten des Paradieses, nun tritt aber ein in das wahre Paradies."

 

 

 

 

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